Letzte Woche nahm ich mir einen Tag, um die CeBIT in Hannover zu besuchen, die weltweit größte Messe für Informationstechnik. Ich begab mich auf „Spurensuche“: Was gibt’s Neues und was sind die Auswirkungen auf Zusammenarbeit. Ein paar Eindrücke sind besonders hängengeblieben:

Ich war schier überwältigt von der geballten Wucht der Unternehmen und der Themen, die sich mit der IT-isierung der Welt beschäftigen. In der Vergangenheit ging es auf der Cebit viel um Smartphones, Tablets und andere „Geräte“. „Dinge zum Anfassen“ sind heute in der Minderheit. Server und Datenzentren, einiges zu Robotics und Internet of Things – mit einem Sonderbereich zu Drohnen, zu denen ich später noch berichten werde – und eine Halle mit Accessoirs, hauptsächlich aus China…

Doch der größte Teil der Aussteller beschäftigt sich mit IT Lösungen, Netzwerken und Datensicherheit. Dabei ist eine unglaubliche Differenzierung und Spezifizierung zu beobachten: Spezielle IT Lösungen für die verschiedenen Fachbereiche im Unternehmen, kleinere Anbieter, die auf größere IT-Systeme wie z.B. SAP aufsetzen und dort die Differenzierung weitertreiben, dezentrales, flexibles und agiles Programmieren in Zusammenarbeit mit den Kunden statt Standard IT.

Außerdem geht es um die totale Vernetzung von allem und von allen: Stichwort Internet der Dinge, wie können Autos, Häuser und alle Geräte darin auch alle miteinander und mit den Menschen kommunizieren; Stichwort Explosion der Arten von sozialen Netzwerken und ihre zunehmende Durchdringung des täglichen Lebens und was sind die Auswirkungen davon für Unternehmen. Es geht um Startups und Entrepreneurship: Junge Unternehmen, die von jungen Menschen ins Leben gerufen werden die das Internet für völlig neue, disruptive Geschäftsmodelle nutzen. JustPark zum Beispiel, eine neue Parking-App, die Parkplatz suchenden Autofahrern den Weg zum nächsten freien Parkplatz in der nahen Umgebung weist – und sie vernetzt mit Privatleuten, die eigenen freien Parkplatz zur Verfügung stellen können, ähnliches Prinzip wie Airb&b. Oder „usedSoft“, eine Plattform die gebrauchte Software-Lizenzen preiswerter weiterverkauft.

Man wird atemlos vor so viel Veränderung!

Beim Thema „Zusammenarbeit“ bleibt man auf der Cebit – alles Techniker und Entwickler – bei den „Tools“, den digitalen Werkzeugen für Zusammenarbeit, hängen. Interessant war eine Konversation mit einem Mitarbeiter von SAP über die Art, wie sie selbst in internationalen, virtuellen Teams zusammenarbeiten: Er meinte, jetzt wo Microsoft Lync in „Skype for Business“ weiterentwickelt hat ist es die einfachste Form, mit Kollegen von überall in Kontakt zu sein. Man kann sehen, wer online ist, man kann Meetings mit etlichen Teilnehmern mit Video machen, die Chatfunktion ist immer an und wenn man schnell an etwas zusammen arbeiten will, dann teilt man halt den Bildschirm hin und her. Alles easy! Und das kombiniert man mit SAP Jam, der eigenen virtuellen Arbeitsplattform, um Dokumente aller Art einzustellen und zu teilen, und Cisco Telepresence für die größeren Meetings. Auch wer Videokonferenzen hasst kann CiscoTelepresence etwas abgewinnen, da sitzt man wirklich wie an einem Tisch mit lebensgroßen Gegenübern und hat das Gefühl, diesen Menschen persönlich zu begegnen.

Das mit „Skype for Business“ macht mir Hoffnung, dass Mitarbeiter von virtuellen Teams in Unternehmen in Zukunft auch mit ihren Kollegen skypen werden. Nach meiner Erfahrung war in den meisten Unternehmen die Nutzung von Skype bisher nicht erlaubt, da Skype nicht über das Intranet lief. Meine Frage, ob z.B. deutsche Ingenieure in der Automobilzuliefererindustrie, wo ich oft tätig bin, ihre chinesischen Kollegen schon einmal online gesehen hätten, wird zumeist verneint. Nun wird das vielleicht leichter möglich sein. So weit so gut. Alles wird immer intuitiver, einfacher zu bedienen, schneller und lebensnaher.

Aber werden und wie werden all diese Instrumente genutzt? Was ist mit der menschlichen Komponente der Zusammenarbeit? Nach meiner Erfahrung nehmen viele meiner Teilnehmer nicht mal das Telefon in die Hand, um spontan chinesische Kollegen anzurufen, weil sie Verständigungsschwierigkeiten fürchten und die Vertrauensbasis fehlt.

Bei dem Thema gibt es bei vielen Gesprächspartnern ein kurzes Stutzen, ein „ahhh“ und dann, etwas zeitverzögert, „ja, das ist natürlich schon auch wichtig…“ Bei zunehmender Qualität der virtuellen Medien kann man leicht der Illusion unterliegen, dass die Kollegen doch eigentlich im Raum nebenan sitzen und nicht am anderen Ende der Welt, in einem völlig anderen Umfeld. Also erwartet man auch ähnliche Reaktionen und Verhaltensweisen wie bei uns und ist umso frustrierter, wenn die Kommunikation dann nicht so leicht fließt wie mit einem lokalen Kollegen. Je besser die Tools, desto mehr wird das womöglich so sein. Wenn man beginnt, bei den Gesprächspartnern zu bohren, dann stellt sich heraus, dass das mit der virtuellen Zusammenarbeit mit Partnern anderer Kontinente doch nicht so gut klappt. Ein weites Feld für Interventionen zum Thema „Zusammenarbeit“!

Als ich meinen Weg über die Messe fortsetze und hier und da bei einem Vortrag hineinhöre blitzen Themen der Zusammenarbeit noch anders auf interessante Weise auf:

Ein Vortrag zu einer Studie über die Werte und Ziele der „Generation Y“, der Digital Natives, fördert Interessantes zu Tage: 52 % von ihnen wollen „Sinn“ in der Arbeit, 58 % wollen eigene Ideen umsetzen. Diese Generation will eingebunden werden, will gefragt werden, will gehört werden und ist vor allem dann motiviert, wenn sie Freunden mitteilen kann, dass eine Idee von ihnen umgesetzt worden ist. Außerdem sind sie sofortiges Feedback – durch ihre permanente Kommunikation in sozialen Medien mit dem Like-Button – gewöhnt und erwarten das auch von Vorgesetzen. Da wir relativ wenige von diesen jungen Menschen haben, machen sich die Firmen verstärkt Gedanken darüber, wie diese rekrutiert, vor allem aber gehalten werden können. So Adidas, um die es in diesem Vortrag hauptsächlich ging. Das ist interessant für Führungskompetenzen von morgen: wir sprechen zwar schon länger von „Empowerment“, aber in den Unternehmen sieht es oft noch ganz anders aus. Doch ein Vorgesetzter, der nicht kollaborativ führen kann wird mit dieser Generation eventuell nicht mehr klarkommen. Und Unternehmen werden inzwischen über das Portal „Kununu“ als Arbeitgeber genauso bewertet wie Ärzte schon seit einer Weile über „Jameda“. Man kann sich der öffentlichen Bewertung nicht mehr entziehen!

Weiter ging ich in die Abteilung für Drohnen. Ich habe damit so ein wenig Probleme, stell ich mir doch vor, dass in absehbarer Zukunft womöglich über und um unsere Köpfe Dutzende dieser kleinen Flugobjekte kreisen werden. Es gab dann da auch eine „Drohnen-Rennbahn“, ein Areal ganz umnetzt und ähnlich groß wie ein kleines Fußballfeld, wo man sich Wettkämpfe lieferte und die Teile in Null komma Nichts auf 100 km/h beschleunigten. Wow!

Doch dann hörte ich dem Vortrag eines Unternehmens zu, das solche Flugobjekte für humanitäre Hilfsmissionen einsetzt. Sie berichteten, wie sie mit Hilfe von kleinen Drohnen in Nepal Dörfer kartographiert haben, die durch das letztjährige Erdbeben völlig zerstört waren. Sie konnten sehr grosse, hochaufgelöste Karten drucken, die man auf einem grossen Tisch ausbreiten kann und die den Dorfbewohnern so ermöglichen, an einer Diskussion über den Wiederaufbau teilzunehmen. Außerdem berichteten sie von kleinen Kliniken, die in den Bergen vielleicht nur 5 km Luftlinie von einem großen Klinikum entfernt lagen, die aber teilweise nur durch stunden- oder tagelange Fußmärsche, und in der Regenzeit gar nicht zu erreichen sind. Eine solche kleine Drohne kann innerhalb von 20 Minuten Medikamente dahin fliegen. Das Ziel ist, engagierten lokalen Partnern die Technologie nahezubringen und damit lokale Lösungen anzubieten und lokale Jobs zu schaffen. Wow nochmal, ein anderes wow, was für ein tolles Projekt! Als die wichtigsten Kompetenzen neben dem Umgang mit Technologie sehen sie vor allem die Fähigkeit, interpersonell und kulturell sensitiv mit Partnern zusammenzuarbeiten!

Bei einem Vortrag über Startups und Jung-Entrepreneure wurde über einige der Formate von Zusammenarbeit geredet, die gerade in der Szene üblich geworden sind. Neben Hackathons
fand ich besonders die „FUN-Meetings“ interessant: steht für „Fuck-up nights“, ein Format wo es nur darum geht, Fehler, missglückte Experimente und Ähnliches zu teilen und daraus zu lernen, nach dem Motto „fail fast, fail forward, learn“. Eine interessante Idee für die klassischen Unternehmen, wenn sie denn ernst machen wollen mit einer kollaborativen und innovativen Kultur. Aus der Start-up Szene kann man vieles lernen!

Mein Fazit aus dem Tag:

Atemberaubende Entwicklungen, die technologisch grenzenlose Zusammenarbeit immer leichter machen – und gerade deshalb wird der Fokus auf der Qualität der Zusammenarbeit mit Kollegen und mit Partnern auch noch mehr in den Vordergrund rücken. Allerdings werden Interventionen dazu wohl mehr und mehr selbst virtuell stattfinden und in kleineren und sehr pragmatischen Einheiten strukturiert werden müssen. Also auch das Angebot von Trainern und Beratern muss wohl agiler, flexibler, differenzierter und stärker auf den Kunden zugeschnitten werden.